16.10.04: Das Ende. Ich stehe auf dem Parkdeck des Kaufhof in Kassel. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Das x-te Beziehungsende ist einfach zu viel für mich, ich ertrage diesen unendlichen Schmerz nicht. Bringe ich es also hinter mich, dann passiert mir sowas nicht mehr. Irgendwann muss eh jeder mal sterben, und für die Ewigkeit ist es doch egal, wie lange du gelebt hast.
Wenn doch nur nicht soviel los wäre hier oben... Dann wäre ich längst drüber geklettert, über die Barriere. Wenn die Kinder da nicht rum stehen würden... Die zeigen dann doch bestimmt gleich auf einen, wenn man da drüber klettert. Mist! Aber drüber und gleich springen, quasi mit Anlauf...?
Was ist, wenn es nicht klappt und ich nur schwer verletzt bin? Was wenn ich nach so einem Sprung dann womöglich im Rollstuhl sitzen muss und mich nicht mehr bewegen kann? Scheiße! Wenn es doch nur eine todsichere Möglichkeit gäbe, es kurz und schmerzlos hinter sich zu bringen...
Ich fahre enttäuscht nach Hause. Die von meiner Ex (bei der ich mich per SMS verabschiedet hatte) alarmierte Polizei erwartet mich schon und überlasst mir die Entscheidung, ob ich mich freiwillig oder gegen meinen Willen therapieren lassen möchte. Ich wähle die freiwillige Variante und lasse mich auf der Depressiven-Station einer entsprechenden Klinik in der Region neun Tage lang mit Medikamenten „füttern“, ehe ich in einem Krankenhaus bei Göttingen meine eigentliche Therapie beginne.
26.10.04: Auf der dortigen Kurzzeittherapie-Station werde ich von Violetta, einer Mitpatientin, nett in Empfang genommen. Ich bin noch immer völlig am Ende, trete die Therapie eigentlich nur an, weil mir keine andere Wahl bleibt. Aber die nette Mitpatientin, die sich ein wenig um den Neuankömmling kümmert, ist wenigstens so ein kleiner Lichtblick in der tiefen Depression und weitgehenden Gleichgültigkeit. Sie zeigt mir das Haus, bietet sich als Ansprechpartnerin an und motiviert mich ein Stück weit, die Gemeinschaftseinrichtungen aufzusuchen.
Während unserer Therapiezeit entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen uns, so erzählen wir uns gegenseitig von dem, was uns dort hingeführt hat. Nachdem ich ausführe, dass es wohl besser für mich wäre, einfach nichts mehr zu fühlen, um nicht mehr verletzt werden zu können, entgegnet Violetta mir, dass sie mir das nicht wünsche, da genau das ihr Problem sei. Sie könne nämlich nichts mehr spüren, nichts mehr fühlen, nichts mehr empfinden. Sie sei innerlich wie tot, lebe nur noch als Hülle. Irgendwann habe es „klack“ bei ihr gemacht, es sei sozusagen ein Schalter umgelegt worden, wonach sie „nicht mehr richtig da“ war. Man könne das grob mit dieser Art Trance-Zustand vergleichen, wie er bei einem grippalen Infekt üblich ist; dass man nur im Unterbewusstsein so vor sich hin vegetiert und nicht wirklich „wach“ ist - nur schlimmer und eben dauerhaft. Das seien auch keine Depressionen, denn Depressionen habe sie früher öfter mal gehabt, und damit wüsste sie inzwischen umzugehen. Durch diesen offenkundigen Dauerzustand sei sie aber zusätzlich depressiv. Es sei also nicht - wie es die Ärzte darstellten - ihr Zustand selbst eine Depression, sondern sie habe auf Grund des Zustands Depressionen. Und nachdem sie in den letzten anderthalb Jahrzehnten auf Grund verschiedener seelischer Probleme schon die unterschiedlichsten Therapien versucht habe, gäbe es wohl keine Möglichkeit, ihr zu helfen - zumal ihr die hiesigen Ärzte wohl schon zu verstehen gegeben haben, dass sie nichts für sie tun könnten. Sie solle versuchen, damit zu leben. Violetta aber sagt, dass sie damit nicht leben kann. Ihr Zustand sei wirklich unerträglich.
Mich berühren diese Ausführungen sehr. Ich kann es nicht fassen, wie ein so liebes Wesen, das man innerhalb kürzester Zeit ins Herz geschlossen hat, so schwer und offenbar unheilbar krank sein kann. Ihr geht es also definitiv noch schlechter als mir, und ich mache mir fortan große Sorgen um sie. An dem Tag, als sie ihre Therapie beendet (drei Wochen nach meiner Ankunft dort), frage ich noch den Therapeuten, ob er nicht doch noch einen hoffnungsvollen Tipp für sie hat, was sie noch versuchen könne, um wieder gesund zu werden. Aber er geht nicht weiter darauf ein, macht sich offensichtlich nicht die Gedanken, die ich mir mache. Violetta übergibt mir zum Abschied einen Brief, in dem sie u.a. folgendes Zitat niedergeschrieben hat:
"Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich mein Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem Stand.
Die Liebe hört niemals auf."
(1 Kor 13, 1-8)
Sie schreibt dazu, dass sie mir das von ganzem Herzen wünsche und legt mir ans Herz, mir das Buch zu kaufen. Ich weiß zu dem Zeitpunkt nicht, welches Buch sie meint. Am nächsten Tag gehe ich in der Stadt in einen Buchladen und laufe „zufällig“ (?) genau auf das Regal mit Bibeln zu. Beim Blättern finde ich die zitierte Stelle, und ich kaufe mir die Bibel. Ich bezeichne mich zu der Zeit eigentlich als nicht gläubig, auch wenn ich getauft und konfirmiert bin. Irgendwann in meinem Leben war ich zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Gott geben kann, weil er sonst all das Leid in der Welt nicht zulassen würde. Ich kaufe mir dieses Buch aber halt trotzdem, weil Violetta es mir ans Herz gelegt hat. Außerdem hatte sie während unserer gemeinsamen Therapiezeit mal die Vermutung geäußert, dass ich gläubiger sei, als ich denke - was mich darüber nachdenken ließ. Da mir in dieser Zeit zudem auch so ziemlich alles egal ist, mache ich mir nichts daraus, mit dem Bibelkauf vielleicht ein paar Euro sinnlos zu verschwenden. Ebenso wie mir das egal ist, ist es mir auch egal, was die Fußballfanszene meines Lieblingsvereins nun von mir denkt, nachdem ich - am gleichen Tag - die zitierte Bibelstelle im Fanforum des Vereins im Internet „verewige“...
Violetta meldet sich wenige Tage nach Beendigung ihrer Therapie telefonisch bei mir. Sie habe einen schweren Suizidversuch begangen, den sie nur knapp überlebt habe. Und sie verrät mir, in welcher Klinik sie nun sei, also wo ich sie besuchen kann. Ich bin unbeschreiblich erleichtert, dass der Versuch schief gegangen ist und dass es sie noch gibt. Für mich ist klar, dass ich nun alles Menschenmögliche unternehmen muss, damit ihr vielleicht doch noch geholfen werden kann. Vielleicht kann ich ja eine Möglichkeit in Erfahrung bringen, von der die hiesigen Ärzte nichts wissen oder die sie nicht in Erwägung ziehen? Ich möchte Violetta, wenn ich sie besuche, nicht einfach nur - aus Hilflosigkeit - gut zureden, sondern ich möchte ihr nach Möglichkeit echte Hoffnungsschimmer „überbringen“. So riesengroß diese Herausforderung bei ihrem Zustand auch ist, so froh bin ich doch über diese Chance, ihr zumindest theoretisch noch helfen zu können bzw. über die Tatsache, dass es noch nicht zu spät ist, mich darum zu kümmern. So scheint ganz nebenbei auch mein Leben wieder ein wenig Sinn zu machen, denn diese Sache KANN mir nicht egal sein.
Ich melde mich im Internet bei diversen Depressionsforen an, schildere Violettas Krankheit und tausche mich mit anderen Menschen darüber aus. Hier wird schon die eine oder andere Möglichkeit aufgezeigt, die noch probiert werden könnte, und ich berichte Violetta - die ich ein paar Mal die Woche besuche - davon. Bei meinen Besuchen lerne ich auch ihre Eltern kennen. Ihre Mutter bringt irgendwann die Möglichkeit der „Übernatürlichen Heilung“, also Heilung durch Gott, ins Spiel. Ich glaube zu der Zeit zwar nicht ernsthaft daran, aber mir soll jeder Grashalm recht sein, an den wir uns klammern können. Und so mache ich mich auch in dieser Richtung im Internet auf die Suche.
Es stellt sich heraus, dass es Menschen geben soll, die mit Hilfe Gottes andere Menschen heilen können; auch wenn es sich um als unheilbar geltende Krankheiten handelt. Wir werden auf einen Fratel Cosimo aufmerksam, einen Eremiten in Kalabrien, bei dem ein paar Mal im Jahr riesige Heilungsgottesdienste stattfinden und wo es schon Tausende - zum großen Teil auch medizinisch nachgewiesene - Heilungen gegeben haben soll. Ich wende mich per E-Mail an den Schweizer Katholiken Sascha Fopp, der im Internet Zeugnis ablegt über die Heilungen, die es durch Fratel Cosimo gegeben hat. Sascha Fopp hat es alles andere als leicht mit mir, da ich diesen ganzen „Hokuspokus“ nicht wahrhaben will und ich ihm in aller Deutlichkeit meine Meinung über diesen angeblichen Gott schreibe und mich über seine aus meiner Sicht unglaublich naive Art und so Begriffe wie „Heiliger Geist“ lustig mache. Da treffen schon Extreme aufeinander: Dort ein tief im Glauben stehender Katholik und hier ein „vom Papier her“ Protestant, der seine Kirchensteuer längst nur noch als Spende ansieht und der das „hinterweltlerische“ Katholikentum noch nie leiden konnte. Nichtsdestotrotz schreiben wir uns viele Mails, weil sich aus den Antworten, die ich auf meine Fragen bekomme, immer wieder neuer Gesprächsbedarf ergibt. Und schließlich geht es mir ja darum, dass Violetta geholfen werden kann - völlig unabhängig davon, ob ich nun an Gott glaube oder nicht.
Über Sascha Fopp und auch über weitere Recherche im Internet ergeben sich weitere Hoffnungsschimmer. So erfahren wir von einem Pater James Manjackal aus Indien, der auch mit dem Charisma der Heilung gesegnet sei, und können in Erfahrung bringen, dass er im kommenden Frühjahr nach Göttingen kommen werde, um hier Exerzitien abzuhalten, im Verlaufe derer auch mit Heilungen zu rechnen sei. Außerdem lese ich, dass in verschiedenen Freikirchen in Deutschland immer mal wieder Heilungsgottesdienste stattfinden.
Ich fange - Glaube oder nicht - irgendwann an, für Violetta zu beten; anfangs mit den Eröffnungsworten „Wenn es dich gibt, ...“. Ich will halt wirklich nichts unversucht lassen. Auf Anraten von Sascha Fopp hin bringe ich zudem kleine Öpferchen (z.B. eine Woche kein Internet, eine Woche nicht Auto fahren, usw.), auf dass Gott ihr helfe. Sascha Fopp unterstützt uns auch im Gebet und erreicht zudem, dass weitere Menschen aus der Schweiz (u.a. Priester) für Violetta beten. Ich nehme zusätzlich noch Kontakt mit Saschas Bruder Adrian Fopp auf, der mir noch ein paar Fragen zu Fratel Cosimo bzw. Gott und Bibel beantworten kann. Ich kann mich auch bei ihm nicht mit allem anfreunden, was er so schreibt, bin aber froh, einen weiteren Ansprechpartner zu haben.
Es ist inzwischen Winter 2005. Nachdem ich zum 31.12.04 meine Therapie beendet habe, kann ich mich - da ich noch bis auf weiteres krank geschrieben bin - im Januar/Februar voll und ganz diesen Dingen widmen, die hoffentlich dazu führen werden, dass Violetta wieder gesund wird. Ich plane mit ihrer Mutter in verschiedene Richtungen, erstelle einen möglichen „Tourneeplan“.
Zwischenzeitlich verliebe ich mich in Violetta, was so nie geplant war (und man aber natürlich auch nicht planen kann). Sie selbst kann zwar nichts empfinden, ist auf Grund ihrer Krankheit abgeschnitten von Emotionen, fühlt sich aber offenbar wohl an meiner Seite. Sie denkt, wenn sie mit mir zusammen ist, meist gar nicht daran, dass sie krank ist, was für mich natürlich ein schönes Gefühl ist. Wir werden ein Paar. Im Vordergrund stehen aber weiterhin ganz klar die Bemühungen um ihre erhoffte Heilung.
Ich führe E-Mail-Verkehr mit den verschiedensten Leuten, wir bereiten unsere Reise nach Italien zu Fratel Cosimo vor und melden uns für die Exerzitien mit Pater James Manjackal an.
04.03.05: Ich besuche Violetta auf ihrer neuen Station. Sie wird nun nicht mehr „gefangen gehalten“ sondern befindet sich in einer offenen Abteilung. Sie berichtet mir davon, dass ihr Zustand seit diesem Tag zumindest nicht mehr unerträglich sei und mutmaßt, dass vielleicht die Tabletten nun gewirkt haben könnten. Ich aber werfe spontan die Vermutung in den Raum, dass es vielleicht auch an etwas Anderem liegen könnte... Schließlich hatten die Tabletten zu lange Zeit nicht gewirkt, als dass man an deren Wirkung jetzt noch glauben kann. Das wäre ein zu großer Zufall, dieser Zeitpunkt des Wirkungseintritts. Nein, nach all dem, was in der letzten Zeit war, kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen all den Gebeten und Öpferchen und dieser überraschenden Besserung ihres Gesundheitszustandes. Ich kann es kaum fassen, aber es scheint „sowas“ wirklich zu geben...! Ich bin überglücklich! -
Der Anfang.
Nachdem ich Sascha Fopp von diesem Wunder berichte und mich bei ihm dafür entschuldige, ihm in so vielen Dingen Unrecht getan zu haben, planen wir mit jetzt noch größerer Motivation die Reise zu Fratel Cosimo. Im Vorfeld bete ich um Segen für diese Reise, und wir sollten in der Tat reich gesegnet werden.
Am 06.05.05 machen Violetta, ihre Mutter und ich uns auf den Weg. Von Frankfurt/Main aus geht es mit dem Flugzeug nach Lamezia Terme, von wo aus wir mit dem zuvor reservierten Mietwagen zu unserem Hotel in Madonna Dello Scoglio (Santa Domenica) fahren. Da ich zum ersten Mal in Italien Auto fahre, bin ich heilfroh, dass soweit alles gut geht. Trotz einer kleinen zwischenzeitlichen Unsicherheit bezüglich der Fahrtrichtung, schaffen wir es ohne uns wirklich zu verfahren, unser Ziel zu erreichen.
In unserem Hotel haben wir das große Glück, auf eine kleine Schweizer Reisegruppe zu treffen, unter ihnen ein Ordensbruder, Bruder Franz, der schon mal bei Fratel Cosimo war und sich ganz gut auskennt mit dem Prozedere vor Ort und der ein wertvoller Ansprechpartner für uns ist.
Durch Bruder Franz sind wir bestens informiert über den zeitlichen Ablauf der Veranstaltung, und er kennt auch den idealen Weg, wie wir am Tag des Heilungsgottesdienstes mit dem Auto den Berg hinauf direkt bis zum Ort des Geschehens fahren können. Nachdem wir uns ihm und seiner Gruppe bereits in den Tagen davor anschließen und Weg und Örtlichkeit schon mal vorab erkunden (und bereits das Glück einer kurzen Begegnung mit Fratel Cosimo haben), fahren wir Bruder Franz an diesem 11. Mai einfach hinterher und können erleben, wie er mit der Polizei erfolgreich verhandelt, einen eigentlich nicht für Autos zugelassenen Weg, der teilweise durch einen Bach (!) führt, ausnahmsweise benutzen zu dürfen :-) . Das ist ein großer Segen für uns, da Violetta durch ihre Krankheit sehr geschwächt ist, so dass ein längerer Fußmarsch bergauf ein echtes Problem dargestellt hätte.
Am „Scoglio“ angekommen, sind bereits sehr viele Menschen versammelt, die hier offenbar teilweise übernachtet hatten. Obwohl wir noch früh dran sind, ist es schon schwer, noch einen Platz zu finden, an dem man nicht „zu“ weit von Fratel Cosimo entfernt sein wird. Wir haben uns zwar im Vorfeld sagen lassen, dass es für eine mögliche Heilung letztlich egal ist, wo man steht oder sitzt, da der Heilige Geist ja nicht nur in den ersten Reihen wirkt. Aber zum einen wollen wir Fratel Cosimo natürlich schon ganz gern auch sehen, und zum anderen wäre es für Violetta in ihrem Zustand natürlich sehr von Vorteil, wenn sie sitzen könnte. Bruder Franz zeigt hier ein sehr großes Herz und „schenkt“ uns die eigentlich für ihn und eine Begleitperson reservierten zwei Plätze in einem direkt neben der „Bühne“ befindlichen abgesperrten Bereich, in dem sich sonst fast nur Rollstuhlfahrer und weitere gehandicapte Personen aufhalten. Dieses unfassbar große Glück ist mir schon fast unangenehm, zumal Bruder Franz dafür in Kauf nimmt, selbst einen viel schlechteren Platz weiter hinten zu haben.
Die Menschen bereiten sich auf den großen Gottesdienst vor, stimmen sich teilweise mit dem Singen von Lobpreisliedern auf das Ereignis ein (ich erinnere mich noch an „Vive Jesus el Senor“). Es ist sehr heiß da oben; wohl dem, der sich mit Schirm oder Kopfbedeckung vor der Sonne schützen kann! Aber das Ausharren in der Hitze lohnt sich. Es ist ein großer Moment, als Fratel Cosimo - begleitet von zwei Assistenten und mit einigen Priestern im „Schlepptau“ - an den Menschenmassen vorbei schreitet, hin zu dem Platz, an dem kurz darauf die Messe beginnt. Der Mann, der mit Gottes Hilfe schon so viele Menschen geheilt hat, oder anders herum gesagt: Der Mann, dessen Gott sich schon so oft bediente, um Menschen zu heilen. Menschen, die teilweise unheilbar krank schienen: Blinde, die wieder sehen konnten oder Rollstuhlfahrer, die plötzlich aufgestanden sind. Hier sind sie also passiert, solche Wunder, wie wir sie nur aus der Bibel kennen und wie sie zu schön scheinen, um wahr sein zu können. Den Gottesdienst selbst erlebe ich wirklich als reiner Zuschauer; zum einen verstehe ich kein Italienisch, zum anderen ist mir die katholische Liturgie absolut fremd (vielleicht kann ich mich auch deswegen inzwischen nicht mehr erinnern, wie genau er noch mal abgelaufen ist). Ich frage Violetta zum Ende des Gottesdienstes, wie sie sich fühlt bzw. ob sie etwas merkt. Sie kann mir dazu nicht mehr sagen, als dass sie eine innere Ruhe verspürt. Wir müssten wohl den nächsten Tag abwarten, um etwas Genaueres sagen zu können.
Am gleichen Tag - irgendwann nach dem Gottesdienst - findet dort oben noch eine Art „Privataudienz“ bei Fratel Cosimo statt, bei der sich Geistliche aus verschiedenen Ländern mit ihm über diverse Glaubensfragen austauschen. Dank Bruder Franz dürfen wir drei mit dabei sein - ein weiteres großes Glück für uns! In einem Gespräch am Rande erzähle ich dort einem Schweizer Diakon, was Violetta und mich dorthin geführt hat. Der Diakon, der auch Italienisch spricht, fasst sich ein Herz und weiht Fratel Cosimo ein und fragt ihn, ob er für Violetta beten könne. Und Fratel Cosimo legt ihr die Hände auf und betet für sie - ich kann diesen Glücksmoment nicht beschreiben. Was für eine außerordentliche Gnade für uns...!
Am nächsten Tag sagt Violetta, dass sie zwar noch nicht wieder gesund sei, aber dass es ihr deutlich besser gehe!
Es hat sich also voll und ganz gelohnt, diese Reise anzutreten. Da wo Ärzte nichts tun konnten, da hat Gott in Person von Fratel Cosimo geholfen. Und wenn es für mich noch eines Beweises bedurft hätte, dass Jesus lebt und auch heute noch heilt, so wäre er für mich auf dieser Reise erbracht worden.
Auf der Rückreise am 14.05.05 erleidet Violetta zwar leider noch mal einen Rückschlag und wird deswegen wieder depressiv, was mich natürlich traurig macht. Aber ihre Mutter und ich, wir sind nun wirklich zuversichtlich, dass Violetta wieder ganz gesund werden kann. Wir müssen eben nur am Ball bleiben und dürfen nicht nachlassen in unseren Bemühungen.
Vom 26. bis 29. Mai 2005 stehen die Missionstage mit Pater James Manjackal in der kath. Kirche Maria Frieden in Göttingen an, und wir drei nehmen wie beabsichtigt daran teil. Es sind die ersten Exerzitien meines Lebens, und ich kann mich mit vielem, was Pater James predigt, nicht anfreunden. Ich versuche trotzdem, die Liturgie - so gut ich kann - mitzumachen, gehe auch immer wieder mit auf die Knie, was ich ja aus der evangelischen Kirche gar nicht kenne. Den Rosenkranz zu beten ist für mich kein totales Neuland mehr, denn das habe ich in Italien auch schon getan, um eben wirklich nichts unversucht zu lassen. Was mir sehr gut gefällt, sind die moderneren Lobpreislieder und dieses gemeinschaftliche Erlebnis insgesamt. In erster Linie sind wir aber natürlich hier, weil wir uns Heilung für Violetta erhoffen. Und es finden tatsächlich auch Heilungen statt; Menschen, die an diesen Tagen Heilung erfahren haben, werden eingeladen, nach vorne zu kommen und Zeugnis über ihre Heilung abzulegen. Davon machen nicht wenige Gebrauch, und es sind die unterschiedlichsten Krankheiten, von denen sie offenbar geheilt wurden. Nachdem Violetta ihrer Mutter und mir in einer Pause davon berichtet, dass auch sie erneut Heilung erfahren habe (es gehe ihr noch einmal deutlich besser), gebe auch ich mir einen Ruck und lege vor der Gemeinde Zeugnis ab. Ich gebe mich als evangelisch zu erkennen, berichte kurz von dem ersten Heilungserfolg in Italien und natürlich von dem hiesigen, führe aus, dass ich das alles noch gar nicht so richtig glauben kann und sage dem Herrn „unendlichen Dank“. Mir selbst wird während dieser Tage u.a. die Fähigkeit geschenkt, fasten zu können, also den ganzen Tag überhaupt nichts zu essen. Ich nehme dieses Geschenk mit in den Alltag und lege von da an für lange Zeit einen wöchentlichen Fasten-Tag ein.
Kurze Zeit nach den Exerzitien fahre ich mit Violetta noch ins Christliche Zentrum Wiesbaden, einer Freikirche, zu einem Heilungsgottesdienst. Auch hier wird Violetta vom Heiligen Geist berührt und macht gesundheitlich einen Schritt nach vorn.
Irgendwann in diesem Frühling, im Laufe unserer Besuche von Heilungsveranstaltungen, ist es Violetta auch wieder möglich, Gefühle zu empfinden, und so entdeckt sie ihre Liebe zu mir. Es ist wunderschön zu realisieren, dass die Gefühle zwischen uns damit also endlich nicht mehr einseitig sind.
Nach all dem gemeinsam Erlebten sind wir uns einig darüber, dass das kein Zufall gewesen sein kann, dass wir uns auf dem Tiefpunkt unseres Lebens kennengelernt haben und dass ich durch sie und ihre Heilung zu meinem christlichen Glauben gefunden habe. Wir sind uns sicher, dass das alles so kommen sollte. Um diese Überzeugung, dass wir beide uns begegnen sollten, weil wir füreinander bestimmt sind, auch vor Gott zu untermauern, mache ich Violetta nach den Exerzitien einen Heiratsantrag - und sie stimmt zu. Ich als jemand, der eigentlich nie im Leben heiraten wollte... Aber die Umstände, unter denen wir uns kennengelernt haben, das gemeinsam erlebte Wunder und die Tatsache, dass wir beide Christen sind, die ihren Glauben auch gemeinsam leben, haben mir jegliche Zweifel an der Ehe genommen und mir ganz im Gegenteil in diesem speziellen Fall die uneingeschränkte Zuversicht gegeben, dass dieser Weg der einzig richtige ist, den wir niemals bereuen werden.
Und doch kann ich an dieser Stelle leider nicht mit einem zwischenmenschlichen Happy-End dienen. Denn die Ehe wurde schon nach sehr kurzer Zeit geschieden. Menschen - selbst Christen - sind eben oft zu schwach, um mit Gottes Gaben würdig umzugehen.
Unterm Strich bleibt aber zum einen die Tatsache, dass Violetta irgendwann wieder ganz gesund wurde.
Und zum anderen bleibt mir der wertvolle Glaube an Gott; an diesen Gott der Liebe, der uns seinen Sohn Jesus Christus geschickt hat, unseren Heiland und Retter. Der Glaube an Jesus ist definitiv eine riesige Bereicherung für mein Leben; ich kann mir ein Leben ohne Ihn nicht mehr vorstellen.
So wurde aus dem vermeintlichen Ende der eigentliche Anfang, so wurde aus „Tod“ Leben. Manchmal ist es eben nötig, ganz unten zu sein und Leid zu erfahren. Manchmal müssen wir zu unserem Glück gezwungen werden, uns auf die Suche zu machen. Wie gut zu wissen, dass wer Gott sucht, Ihn auch findet.
Dank sei Dir, Herr!